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Kunde Masurens - Teil 2

Zur Kunde Masurens - Teil 2 - von Friedrich Salomo Oldenberg (1820-1894)


   

Teil 2 - Land und Leute

   Es geht ein religiöser Zug durch den Charakter des masurischen Volkes, soweit dasselbe nicht seiner Eigenart beraubt, oder in innerer Zersetzung begriffen ist. Der polnische Masur beugt sich vor der Autorität Gottes und vor Allem, worin er - seies mit Recht oder Unrecht - diese Autorität anerkennt. Er steht daher der Kirche und allen kirchlichen Institutionen der Regel nach voll Ehrerbietung gegenüber, und zwar in viel höherem Maaße, als im Allgemeinen der der dortige Deutsche. Das sieht man sowohl in den kleinen Städten als auch auf dem platten Lande, soweit das deutsche Element dort vorgedrungen. Freilich ist die Frömmigkeit des Masuren bei dem weit überwiegendem Theil der Bevölkerung eine unreife oder im Werden versteinerte. Sie steht mehr in halb noch naturalistischen Ahnungen und Instinkten, als in abgeklärter Erfahrung. Die Einsicht fehlt ihr und die ethische Aneignung des Glaubensgehaltes. Sie duldet wiederstandslos ihren Gegensatz, die Unfrömmigkeit in den schroffsten Erscheinungen neben sich und ist über diesen inneren Widerspruch völlig beruhigt, wenn er durch äußere Formen gedeckt ist. das Leben des Masuren ist gespalten zwischen dem Suchen nach der Seligkeit und dem Bann sinnlicher roher Naturgewalten. Die selben halten ihn noch wie mit einer Sklavenkette gebunden und weder Kirche noch Schule hat bis jetzt diesen Bann gelöst. Es ist als hörte man aus dem Munde jenes Volksstammes ein Seufzen der Creatur, die nach Erlösung sich sehnt.

   Der Masur hält sich für einen guten Protestanten und Viele halten ihn dafür. Er ist es zum Theil schon durch seine antipolnischen und seine preußischen Sympathien. Er ist es nicht, weil sein naturalistischer Zug ihn, auch wo er selbst nicht weiß, mit dem Katholizicmus wahlverwandt macht. Er ist es darum nicht, weil ihm die protestantische Bildung fehlt. Er versteht nicht zu Scheiden, weder das Christliche vom Unchristlichen noch das Protestantische vom Katolischen. Alle diese Elemente vermischend, findet er seine kirchliche Existenz in den Formen des Protestantismus, aber die Kritiklosigkeit, mit welcher er dieselben auch durchbricht, zeugt dafür, daß er weder klar, noch sicher in ihm begründet ist. Es scheint zweifellos,daß Bausteine da sind, aus denen sich zwischen masurischer Kirchlichkeit, die mache sogar für streng lutherisch halten und dem römischen Katholicismus die Brücken bauen lassen und es ist ein gefählicher Irthum, das nicht erkennen oder nicht zugestehen zu wollen. Die evangelische Kirche hat dort auf der Hut zu sein.

   Die Kirchen Masurens sind zu erheblichem Theil sehr ärmlich; sie entsprechen der Ärmlichkeit und der = Kulturlosigkeit des Landes. Selbst manche städtische Kirche ist im höchsten Grade dürftig, z. B. die in Oletzko, von ländlichen habe ich keine in trübseligerem Zustande gefunden, als die in Fürstenwalde (Kreis Ortelsburg). Sie ist eine stumme Wehklage über die Verlassenheit der Evangelischen auf jenem fernen, vom Katholicismus umdrängten Vorposten. Manche neugebaute Kirchen und manche ältere, die mit Liebe und Sorgfalt restaurirt sind, machen um so erfreulichere Ausnahmen. Abgesehen von ihnen ist das, was von Schmuck in den dortigen Kirchen an Kanzel, Altar u. s. w. sich befindet, nicht Kunst, sondern oft der Gegensatz von Kunst. Der Sinn dafür scheint in erstaunlichem Maaße zu fehlen. Wie sticht dagegen die Architektonik und Ausstattung der neuen katholichen Kirche ab! Häufig sieht man an den Wänden und Pfeilern der Kirchen Glaskästchen befestigt, die trockene der buntem Papier mit geringer Kunst bereitete und mit seidenen Bändern umgebene Blumen enthalten. Das sind Weihgeschenke für Vertorbene, von den Familien derselben dargebracht. Auch der kleine Bürger in den masurischen Städten hat diese Sitte zum Theil noch festgehalten. Wenn eine Jungfrau stirbt, so hängt man einen Myrthenkranz, meist unter Glas und Rahmen, in die Kirche, aber nur für die, der die jungfräulichen Ehren noch gebühren. Als der gegenwärtige Geistliche in R. noch vor wenigen Jahren sein Amt antrat, fand er den Altar mit Kinderspielzeug bedeckt, kleine hölzerne Kanonen, Pferde, Puppen, Eimer u.s.w. hielten trauliche Nachbarschaft mit Cruzifix, Kelch und Leuchtern. Es war das Spielzeug verstorbener Kinder, das die Eltern derselben geweiht hatten. Was heidnische Völker ihren Todten in die Gräber gelegt, das brachten die Masuren auf ihre Altäre. So mündet das Familienleben in die Kirche. In vielen Kirchen sieht man größere und kleinere Hirschköpfe angebracht, wohl drei, fünf, sechs und mehr, sowohl an den Kronleuchtern, als an den Pfeilern und Wänden. Sie sind von Holz gearbeitet, aber mit natürlichen Geweihen. Ob diese Sitte aus der alten Zeit stammt da noch Masuren zum größten Theil mit Wäldern bedeckt war und und von Rittern und Amtsleuten der Dank für glückliche Jagd in solcher Weise in die Kirche getragen wurde oder ob es wahr ist was ich behaupten gehört, daß diese Hirschköpfe das Sybmbol des Psalmwortes seien:"Wie der Hirsch schreiet nach frischem Wasser; so schreiet meine Seele, Gott, zu Dir!" - das wage ich nicht zu entscheiden.

   Der Masur kommt der Regel nach gern und viel zur Kirche. Auch bei ungünstiger Witterung, bei harter Kälte, bei unwegsamen Wegen sieht man Züge von Männern und Frauen zu Fuß oder in ihren kleinen Wagen und Schlitten zum Theil meilenweit zum Gottesdienst eilen. Der Sonntag ist ihnen zugleich in ihrer Abgeschiedenheit ein erwünschter Verkehrstag. Der Marktplatz, dessen Mitte der Regel nach in den kleinen Städten die Kirche bildet, belebt sich dann von den sich sammelnden Fuhrwerken. Männer und Frauen sieht man meist in ordentlichem Sonntagskleide, die ersteren tragen gerne ihre Soldatenmütze. Der Masur zeigt sich in seiner Kleidung durchaus, in preußischer Art. Die Schänken und Krüge füllen sich und dem Branntwein wird der schuldige Tribut als erstes Morgenopfer gezahlt. Viele haben ihre Producte zum Verkauf mitgebracht; die Kramläden stehen offen, in denen fast überall auch Branntwein geschenkt wird. Die Kirche mit einem Kranze von Branntweinschänken umgeben, ist ein Bild für Masurens Eigenthümlichkeit, wie es nicht treffender gefunden werden kann.

   Allmählig füllt sich das Gotteshaus. Noch ehe die Orgel zu spielen beginnt, hebt der Gesang an. Der Masur singt gern, viel und laut. Er singt mit innerer Betheiligung. Er hat ein reiches Gesangbuch, das die schönsten auch unserer deutschen Kirchenlieder in edler Übertragung enthält. Das masurische Gesangbuch ist ein werthvoller Volksschatz. Der Gesang des Masuren entbehrt Alles, was Kunst heißt. Aber in seiner naturalistischen Roheit hat er etwas von Feuer und Wärme. Noch während des Gesanges vor der Liturgie, oder bald nach ihr sieht man nicht selten eine Frau oder ein Mädchen, jetzt eine, jetzt die andere an den Altar treten sie knixt dreimal und bindet ein rothes oder ein blaues oder weißes Bändchen an einen Altarleuchter oder an beide, dann knixt sie wieder, verrichtet ihr Gebet, legt ein Geldstück als Opfer auf den Altar, knixt wieder und geht an ihren Platz zurück. Sie hat irgend ein Anliegen, eine Sorge, einen Dank, der auch wohl in der Fürbitte von der Kanzel her seinen Ausdruck findet. Die Bänder bleiben als Opfer an dem Leuchter, bis ihrer zu viel werden und sie verblichen sind. Dann nimmt sie der Küster ab, damit sie anderen Raum machen.

   Der Masur verbeugt sich beim Namen Jesu, ja er bekreuzt sich bisweilen. Er hält lange aus und kommt = gern wieder, aber er versteht sehr wenig. Die Klage habe ich von Masuren gehört, die ihre Landsleute sehr genau kennen. Daß das geringe Maaß der Ansprüche, welche die Gemeinde an die Predigt macht, auf die letzten einen Druck ausübt, ist leicht verständlich. Hierin liegt eine der Gefahren, gegen welche die Geistlichen Masurens zu wachen haben. Der reichliche Kirchenbesuch, die verhältnißmäßig große Zahl der polnischen Confimanden - sie übertrifft die der dortigen Deutschen im Verhältniß oft um das Dreifache und Vierfache wiegt sie nur zu leicht in den täuschenden Traum ein, daß sie kirchlich lebendige und kirchlich befestigte Gemeinden haben. Zwar könnte schon der Weg aus der Kirche, der Männer und Frauen direct wieder in die Schänke und an das Branntweinglas führt, an dem Werth jener Kirchlichkeit irre machen. Es ist keineswegs selten, daß der Masur zur Beichte in angetrunkenem Zustande kommt und daß mancher Communicant, wenn er nach dem Abendmahle aus der Schänke kommt, taumelnd seinen Wagen erreicht. Früher weit mehr als jetzt (denn es ist aus später zu eröternden Gründen in einigen Gegenden mit dem Trunke besser geworden), waren die Sonntage am Kirchorte wirkliche Sauftage und die Heimwege vom Gottesdienste mit widerwärtigstem Scandal aller Art beieichnet. Das Wort eines masurischen Bauern, der zum Abendmahl gehen wollte, ist zu bezeichnend, als daß ich es hier nicht notiren möchte:"Wart' du Schurke! rief er einem Anderen (auf polnisch) zu, mit dem er in Streit gerathen war - wart"! heut gehe ich zum Abendmahl, aber morgen schlage ich dir den Schädel ein!"

   Auch Sonntagsarbeit ist keineswegs ungewöhnlich. Der Masur nimmt es damit nicht genau, und am wenigsten, wo er das Beispiel des Deutschen vor sich hat. Viele, die Bedenken tragen, am Sonntag auf ihrem eigenen Felde zu arbeiten, machen sich doch kein Gewissen daraus, gegen Tagelohn bei Andern Arbeit zu nehmen.

   Als ein kirchliches Gemeingut der masurischen Bevölkerung sind die Gebetsverhöre (paciorki) zu halten. Der instinctmäßige Zug nach dem Segen des göttlichen Wortes, so wenig man demselben auch die Wirkung des Sauerteiges verstattet, tritt, wie in den kirchlichen Gottesdiensten, so auch in ihnen zutage. Die Sitte der Gebetsverhöre ist noch, so viel ich weiß, in allen ländlichen Gemeinden Masurens gebräuchlich. Es verhält sich mit derselben der Regel nach folgendetmaßen: Der Geistliche zeigt im Gottesdienste an, daß er an einem bestimmten Tage in dieses oder jenes Dorf zum Gebetsverhör kommen werde; oder er läßt auch durch den Schullehrer diese Anzeige in der Dorfschaft machen. Zuweilen geht auch die lnitiation von der Dorfschaft aus; sie wendet sich an den Geistlichen und bittet um ein Gebetsverhör. Meistens wird dazu die Zeit zwischen Michaeli und Weihnachten gewählt. Im hohen Winter sind die Einrichtungen dazu schwieriger und vom anbrechenden Frühling bis die Kartoffeln aus der Erde sind, hat der Landmann keine Zeit dazu. Aus dem betrefrenden Dorfe wird dem Pfarrer ein Wagen geschickt, natürlich ein offener, die Wege sind oft weit, durch tiefen Sand und über Stock und Stein. Aber die kleinen masurischen Pferde - mitunter nicht viel größer als große Hunde - halten aus und traben tüchtig. Der Geistliche steigt an dem Hause des Wirthes ab, in dem das Gebetsverhör gehalten werden soll. Wer die größte Stube hat, dessen Haus wird am liebsten gewählt, oder es geht, Jahr um Jahr, bei den Wirthen reihum. An manchen Stellen wird zuerst die Kalende "geschüttet". Jeder Wirth bringt für den Geistlichen den schuldigen Antheil an Getreide. Was beim Vermessen desselben als ein zuviel sich ergiebt, wurde früher regelmäßig und jetzt noch bisweilen nach dem Gebetsverhör im Kruge vertrunken.

   Das ganze Dorf, Männer und Frauen, hat sich, so viele ihrer in der Stube nur Raum finden können, versammelt. Wald Auch der Schullehrer ist da. Die Losleute, die Knechte und Mägde fehlen häufig, sie kümmern sich wenig mehr um dergleichen. Der Geistliche hat den Talar angelegt, ein Gesang wird angestimmt, ein Eingangsgebet gehalten, dann folgt eine Ansprache über ein Bibelwort, dann ein Gebet in welchem fürbittend auch des Königs und des Vaterlandes, der Gemeinde des Dorfes, des Hauses, in dem der Gottesdienst gehalten wird, der Schule, der Feldfrucht, des Viehes gedacht wird. Hierauf wird ein Gesang angestimmt und an manchen Stellen die Jugend des Dorfes, falls für dieselbe in dem vollgedrängten Zimmer ein Raum sich gefunden hat, katechisirt. Dann kommen auch die Erwachsenen heran und antworten gern, wenn sie zu antworten wissen. Ein Gesang und der Segen schließt das Gebetsverhör. Der Geistliche legt den Talar ab und ihm wird eine Mahlzeit vorgesetzt - ein Reisbrei mit Kaneel, Schwarzsauer, oder auch eine gebratene Gans - woran er den Schullehrer brüderlich theilnehmen läßt. Die Anderen sehen ganz gemüthlich zu und den Rest der Gans muß der Pfarrherr einpacken und mit nach Hause nehmen. So etwa wird es bei den Gebetsverhören im Lötzener Kreise gehalten. In anderen mag es anders sein, doch sind die Abweichungen schwerlich bedeutend. Oft schließt sich an das Gebetsverhör noch eine Krankencommunion, wenn in dem Dorfe ein Kranker ist, der das Abendmahl begehrt. Die ganze Versammlung folgt dem Geistlichen und sucht in der Krankenstube Raum zu finden, so gut sie kann, unbekümmert darüber, ob der Rumor dieses Besuches dem Kranken nicht schadet. Oft ist diese Feier sehr ernst. Nachdem das Sacrament gespendet ist, tritt Einer nach dem Anderen an das Bett und wünscht dem Kranken oder Sterbenden Gottes Segen. Manchmal begehrt noch der Letztere, daß noch ein Lied angestimmt werde. Der Masur stirbt gern unter Gesang, welch ein Gotteskinds-Naturell bricht in solchen Momenten hervor! Schon hat der Wagen mit den beiden Pferdchen bespannt auf den Geistlichen gewartet. Er hat noch einen weiten Heimweg. Die Gemeinde aber, nachdem er sich verabschiedet, kehrt zum Branntwein zurück und sucht nach der anstrengenden Erhebung in ihm das Gleichgewicht wieder zu gewinnen. Man hat sich mit der Frömmigkeit abgefunden und übrigens bleibt es beim Alten.

   Es bleibt beim Alten! Das ist der Nachsatz der auf alles Rühmen dieser Kirchlichkeit folgen muß, Kirchengehen, Communion und Gebetsverhöre sind im Allgemeinen machtlos gegen die Gewalt der in der Bevölkerung entstandenen und ihr in Fleisch und Blut übergegangenen Unsitten, namentlich gegen die Trunkes, des Aberglaubens, der Faulheit. Freilich giebt es auch wahrhaft fromme masurische Wirthe, die in Mäßigkeit und Ehrbarkeit, sowie durch die ganze Haltung ihres Hausstandes und ihre Kindererziehung es bewähren, daß es ihnen mit dem Evangelio ein Ernst ist. Das sind diejenigen, die nicht nur in ihren Familien Hausandachten halten, sondem auch mit ihren Kindern Sonntags über wichtige Stücke des Glaubens, meistentheils nach der trefflichen Langhansen'schen Kinderpostille, die in polnischer Uebersetzung weit und verbreitet ist, katechisiren. Vor allem ist Bibel und Gesangbuch (die polnische Bibelübersetzung soll in heiliger Würde mit der lutherischen wetteifern) in solchen Familien im Gebrauch und mit ihnen treffliche Erbauungsbücher, wie die Predigten von Dambrowsky, Anrdt's wahres Christenthum u. s. w., die in solchen Familien, als von den Vätern ererbte Schätze bewahrt werden. Unter diesen Frommen zeigen sich auch an manchen Stellen Spuren von Gemeinschaften, ähnlich wie sie im benachbarten Litthauen unter den "Walderminkern" in weiter Ausdehnung sich gebildet haben. So hörte ich im Goldaper Kreise von Stundenhaltern, die wohl als Ausläufer der Waldeminker angesehen werden dürfen. Auch im Neidenburger Kreise giebt es derartige Erscheinungen in den Stundenhaltern der pospolstwa (Gemeinschaft, Brüderschaft), während im Willenberger, Jerutter und Fürstenwalder Kirchspiele eine absonderliche Secte existirt, die keinen eigentlichen Namen hat, aber vom Landvolke die Swete (Heilige) genannt wird. Sie grüßen Niemand, um nicht gelegentlich etwa einen Dieb oder sonstigen Taugenichts zu grüßen; sie bleiben vom kirchlichen Gottesdienst und vom Abendmahl fern, halten dagegen in geschlossenen Kreisen besonderen Gottesdienst und sehr strenge Gebetsübungen. Wiewohl sie es zu ihrer Aufgabe gemacht haben, einen hohen Grad der Heiligkeit zu erreichen, sind sie doch im Schmuggeln nicht heiliger, als alle anderen masurischen Menschenkinder. Wahrscheinlich stammt diese Secte aus längst vergangener Zeit, in der das südliche Masuren eine große Wildniß war und in der spärlich zerstreuten Bevölkerung, die von der amtlichen Kirche nicht besorgt werden konnte, der Trieb nach religiöser Gemeinschaft in solcher Ausartung zur Erscheinung kam. Als eine eigenthümliche Erscheinung sei hier noch der masurischen Gänsemagd Gottliebe gedacht, die, angeblich durch Erleuchtung Arndt's wahres Christenthum, große Theile der heiligen Schrift und das ganze polnische Gesangbuch von Anfang bis zu Ende auswendig weiß. Sie ist in der Gegend von Ortelsburg zu Hause und ist von da, ihre Gänseheerde verlassend, Stunden haltend durchs Land gezogen, bis in die Gegend von Hohenstein. Die Masuren, die sie für eine Heilige halten, sollen ihr schaarenweise zugelaufen sein. - Doch derartige Erscheinungen gehören zu den Sonderbarkeiten. Von viel größerer Bedeutung sind die normalen Gestaltungen christlichen Lebens innerhalb der ländlichen Bevölkerung Masurens, wie sie hier und dort, ob auch von manchen Seitenicht gern gesehen, doch als ein Salz sich bewährt haben.
   
Oktober 1866

Fliegende Blätter aus dem Rauhen Hause zu Horn bei Hamburg

Quelle: Ortelsburger Heimatbote 2013

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